Formcheck #1. Wie fühlt es sich eigentlich an, 180km Rad zu fahren?

180 km mit dem Rennrad. Eins. Acht. Null. Mit dem Rennrad. Non stop. Ohne Pause. Ohne Absteigen. Mit einem normalen Fahrrad würde man bei einem Durchschnittstempo von 20km/h immerhin 9 Stunden brauchen, vorausgesetzt, man steigt kein einziges Mal ab. Das ist echt lange, wenn man mal genauer darüber nachdenkt. Und ich muss sagen, bis dato liegt die Antwort auf meine Eingangsfrage noch völlig außerhalb meiner Vorstellung. Bevor ich mich also offiziell zu einem Ironman anmelde, muss ich zumindest ansatzweise herausfinden, wie sich diese extremen Strecken in den drei Disziplinen eigentlich anfühlen und es für mich überhaupt im Bereich des Möglichen liegt, eine Triathlon-Langdistanz zu bewältigen.

Der erste Schritt in Richtung Langdistanz. Gestern habe ich mich deshalb auf mein Rennrad geschwungen mit dem Ziel, 120km zu fahren und zu sehen, ob ich das schaffe und wie gut ich mich dabei und danach eigentlich (noch) fühle. Und was meine Motivation eigentlich dazu sagt, ob sie mich bis nach Hause begleitet oder ob sie irgendwo auf der Strecke bleibt. Der Plan ist, die Distanz Schritt für Schritt zu verlängern, bis ich so einigermaßen in die Nähe der 180km komme. Ich muss für mich einfach vor der Anmeldung wissen, ob das wirklich machbar ist, schließlich kommt ja nach dem Rad fahren noch der Marathon. Zu viel schon mal vorweg: am Ende waren es 125km und trotz ziemlicher Schwankungen meiner Motivationskurve war ich letztlich glücklich und zufrieden.

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Auf los geht’s los. Von „ach, scheiß drauf, ich dreh um“ bis „komm, die paar km schaffst du noch“. Ich hatte mich tatsächlich schon einige Tage auf meine Tour gefreut, von daher war die Motivation am gestrigen Morgen riesig und der Schweinehund nicht zu sehen. Beste Voraussetzungen, um meinen Plan in die Tat umzusetzen. Wäre da nur nicht dieser Sturm. Immer, wirklich immer, stürmt es hier in Norddeutschland und wenn kein Sturm ist, dann zumindest ordentlicher Wind. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich finde Rad fahren bei Wind soooooooo furchtbar! Es ist anstrengend und man kommt nicht voran. Aber da hier einfach immer Wind ist, hab ich sowieso keine Wahl, außer gar nicht zu trainieren und das ist nun mal keine Option.

Wie schafft man es, sich trotzdem zu motivieren? Indem man sich die positiven Dinge vor Augen hält. Zum Beispiel wäre es noch viel schlimmer, wenn ich zusätzlich zum Sturm auch irgendwelche Berge hoch müsste. Da freu ich mich doch dann einfach, dass ich hier im Flachland wohne und mir die vielen Höhenmeter erspart bleiben. Alles nur eine Frage der Einstellung! Sehr hilfreich ist auch immer, sich den Moment vorzustellen, für den man das eigentlich letztendlich tut. Dazu muss ich aber auch sagen, dass man trotzdem auch Freude am Training selbst haben sollte. Man betreibt einen Sport schließlich nicht für irgendwelchen Ruhm oder Medaillen, zumindest nicht nur, sondern hauptsächlich für sich selbst. Aber zurück zum Punkt. Ich bin trotz Wind gestartet, mit einem Energieriegel im Gepäck und der Aussicht auf einen leckeren Milchkaffee nach 3/4 der Strecke. Bislang war ich maximal 90km gefahren, um mich auf den Ironman 70.3 vorzubereiten.

Die ersten 50km liefen, wie gewohnt, super. Dann tauchte so langsam der Schweinehund auf und ich habe diverse Male überlegt, ob ich nicht lieber schon umkehren sollte, weil er bestimmt noch größer werden würde und alles, was ich nun noch weiterfuhr, musste ich ja dann auch wieder zurückfahren. Aber: ich habe nicht nachgegeben. Ich hatte mir fest vorgenommen, die Strecke zu schaffen und deswegen bin ich weitergefahren.

Ab Kilometer 65 ging’s dann wieder Richtung Heimat und da kam dann das, was ich die ganze Zeit verdrängt hatte: der Gegenwind. Äh, Gegensturm. Ich konnte teilweise selbst in Aeroposition nicht schneller als 18km/h fahren. Das war schon echt frustrierend. Vor allem wusste ich ja schon vorher, dass so kommen würde. Aber das war dann so und da musste ich durch. Man darf sich dann aber auch einfach nicht so demotivieren lassen. Ich meine, wer sagt denn, dass man jede Einheit mit dem Rennrad mit einem Schnitt von 30km/h durchziehen muss?! Mein Ziel war, die Strecke einfach mal auszuprobieren, ohne Zeitdruck, ohne Tempoziel. Dann braucht man eben etwas länger. Na und? Training ist Training. So war es eine entspannte GA1-Einheit über 5:30Uhr. Statt meine Beinmuskeln völlig zu überlasten, habe ich die schöne Landschaft genossen und 90km gab es dann ersehnten Kaffee in einem kleinen Café an der Strecke.

Die letzten 35km waren dann zwar schon etwas anstrengend und ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich ganz froh war, als dann das Haus in Sicht kam. Aber prinzipiell denke ich, sind 180km schon machbar. Ist nur die Frage, wie gut der Marathon im Anschluss dann noch geht. Aber ich habe ja noch ein Jahr Zeit!

Der Elberadweg. Und ob er rennradtauglich ist. Da ich immer allein mit dem Rennrad unterwegs bin und daher aus Sicherheitsgründen nur ungern auf Hauptverkehrsstraßen (und überhaupt Straßen mit Auto- und LKW-Verkehr) unterwegs bin, brauchte ich einen Strecke, die erstens radtauglich, zweitens lang genug und drittens soweit ausgeschildert ist, dass man nicht ständig anhalten und mit dem Handy navigieren muss. Da ich bislang auch schon immer viel an der Elbe entlanggefahren bin und ich hier, seit ich geboren wurde, wohne, den Elberadweg aber noch nie entlanggefahren bin, habe ich die Gelegenheit genutzt und gleich mal einige Streckenabschnitte getestet.

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Von Marschacht bis Bleckede eignet sich der Radweg hervorragend. Man fährt fast durchgehend am Deich entlang ohne Straßenverkehr. Alles ist gut ausgeschildert und man läuft nicht Gefahr sich zu verfahren.

Zwischen Bleckede und Neu Darchau macht es mit dem Rennrad dann gar keinen Spaß, weil man einen großen Teil auf Sand- und Schotterwegen fährt und die asphaltierten Stücke wirklich viele tiefe Schlaglöcher haben. Kurz gesagt, mit 8,5 bar Durck auf den Reifen und natürlich keiner Federung juckelt man sich einen zurecht. Und das ist weder gut für’s Rad, noch ist es angenehm für die Handgelenke und den Allerwertesten des Fahrers. Das war echt schade, denn landschaftlich war vor allem dieser Abschnitt super schön und auf jeden Fall empfehlenswert. Dann aber mit dem Trekkingrad. Man kommt bestimmt auch irgendwie weiter am Deich entlang, aber bin gestern einfach stumpf den Schildern gefolgt. Ich werde das aber bei den nächsten Radeinheiten noch genauer auskundschaften.

 

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In Neu Darchau, wie auch an vielen anderen Punkten des Elberadwegs, kommt man mit einer Fähre auf die andere Seite. Das Ganze kostet 2,50€ pro Kopf und ist irgendwie ein netter Zusatz auf langen Radausfahrten. Auf der anderen Seiten ging es dann wieder zurück. Bis Boizenburg konnte man bis auf die letzten 6-7km problemlos mit dem Rennrad fahren, weil die Strecke durchgehend direkt am Deich entlangführt. Nur auf dem letzten Stück fährt man nicht mehr auf asphaltierten Wegen, sondern auf so rasengitterähnlichen Steinen. Das ging zwar einigermaßen mit dem Rennrad, aber richtig optimal ist das nicht.

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Zwischen Boizenburg und Lauenburg führt die Strecke dann nicht am Wasser entlang, sondern aus gut ausgebauten, asphaltierten Radwegen. Und auf dieser Seite der Elbe kann man auch hier im Flachland tatsächlich einige Höhenmeter sammeln. Fährt sich super mit dem Rennrad, nur innerhalb der Ortschaften, muss man ab und zu über Gehwege und Kopfsteinpflaster. Deswegen bin ich dann auch spontan an dieser Stelle wieder zurück auf die andere Seite gewechstelt und meine Standardstrecke am Deich nach Hause geradelt. Einmal quer durch die Altstadt, nur über Kopfsteinpflaster hab ich mir dann doch lieber gespart. Insgesamt eine tolle Radstrecke, nur nicht immer so gut für Rennradfahrer geeignet. Dafür kommt man nicht mit Autoverkehr in Kontakt. Da muss also jeder selbst abwägen, was ihm wichtiger ist.

Weitere Infos zum über 1000km langen Elberadweg gibt’s unter www.elberadweg.de .

Was nehme ich nun mit mein zukünftiges Training mit?

  1. Viele (sehr viele!) Radkilometer sammeln
  2. Unbedingt Rückenmuskulatur ins Krafttraining mit aufnehmen (für die Aeroposition usw.)

Ich bin nach der gestrigen Tour wirklich guter Dinge, was die Teilnahme an einem Ironman angeht, gleichzeitig hat mich die Einheit aber auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. 180km fährt man nicht mal eben so und es wird noch eine Menge Arbeit auf mich zukommen (das blendet man in der Zeit nach einem erfolgreichen Finish oft aus, weil man noch so beflügelt ist), aber ich weiß auch, dass ich es schaffen kann und das ist die beste Motivation!

 

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2 Gedanken zu „Formcheck #1. Wie fühlt es sich eigentlich an, 180km Rad zu fahren?

  1. Pingback: Formcheck #2. Kann man einfach so 3,8km schwimmen? Kraul? | My Way To Ironman

  2. Tolle Erfahrungen, die du hier teilst. Und wirklich ein wahnsinniges Ziel, das du vor Augen hast! Als regelmäßiger Läufer und Radler (kein Rennrad) ist das spannend zu lesen. Mein großes Ziel ist nächstes Jahr erstmal ein HM 😉

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